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TDS (Sur le Traces des Ducs de Savoie) 2014

Zwei Wochen sind nun seit meinem Start beim TDS vergangen. Das aufschreiben meiner Erlebnisse fällt mir mindestens genauso schwer, wie sich mit der Tatsache abzufinden den Lauf nicht beendet zu haben. Wenn man 9 Monate auf sein selbst gesetztes Saison-Highlight hinfiebert, eine perfekte Betreuung vor Ort hat, das Training zwar nicht optimal aber trotzdem gut war, dann ist die Enttäuschung umso größer. Aber der Reihe nach.
TDS (Sur le Traces des Ducs de Savoie) 2014

TDS Blick vom Col Chavannes

Montag der 25.08. noch zwei Tage bis zum Start, ich fahre mit meiner Familie nach Chamonix. 600km entspannte Autofahrt auf freien Straßen, so kann es weiter gehen. Gegen 15 Uhr begrüßt uns das sonnige Chamonix. Das Hotel ist schnell gefunden und das Zimmer schnell bezogen. Hier läßt es sich aushalten. Pünktlich um 17:30 Uhr sind wir auf dem Marktplatz um die Läufer des PTL anzufeuern. Es sind jene Läufer, die sich auf den Weg machen, 295km und 26000 HM zu laufen. Und das ganze in einer maximalen Zeit von 142 Stunden. Chapeau! Bei einem gemütlichen Essen lassen wir den Abend ruhig ausklingen.

Dienstag der 26.08. noch ein Tag bis zum Start. In der Nacht kam das von den Wetterberichten angekündigte schlechte Wetter. Fast den ganzen Tag regnete es. Ab 13 Uhr konnte man die Startunterlagen abholen. Der Menschenmenge nach zu urteilen waren alle 1600 Starter gleichzeitig da, aber nach "nur" einer halben Stunde Wartezeit bin ich auch schon dran. Jeder Teilnehmer bekommt einen Zettel auf dem angekreuzt ist welche Teile der Pflichtausrüstung vorgezeigt werden müssen. Nachdem ich meine Regenjacke, Notfallverpflegung, Rettungsdecke und die beiden Stirnlampen mit Ersatzbatterien vorgezeigt habe, bekomme ich meine Startnummer ausgehändigt. Nun ist wirklich alles komplett und die Spannung steigt langsam. Gegen Abend treffen wir uns mit Jörn, der den weiten Weg auf sich genommen hat, um mich zu unterstützen.


Chamonix Start UTMB

Mittwoch der 27.08. Der Wecker klingelt kurz nach vier. Meine Aufregung ist nun schon deutlich spürbar. Jörn lässt es sich auch nicht nehmen mich mit dem Auto nach Courmayeur zu fahren. So bleibt mir der Transfer mit dem Bus erspart. 6:30 Uhr stehe ich im dichtgedrängten Läuferfeld. Genauer gesagt stehen 1583 Läufer am Start. Die Stimmung ist wirklich der Wahnsinn und lässt sich schwer in Worte zu fassen. 7:01 fällt endlich der Startschuss.

Ich lasse es durch die Straßen von Courmayeur gemächlich angehen. Nach zwei Kilometern geht es in den ersten Anstieg. Es läuft prima. Die Beine fühlen sich gut an die Sonne scheint, was soll da schon passieren. 800 Höhenmeter später erreiche ich die "Rifugio Maison Vieille". Da ich es beim Start nicht geschafft habe auf Toilette zu gehen hole ich es hier auf der Hütte nach. Auch wenn ich durch diesen kleinen Boxenstopp ca. 180 Plätze einbüße, liege ich zu diesem Zeitpunkt noch sehr gut im Rennen.

Der Weg schraubt sich immer weiter in die Höhe. Nach 11,1km und 1300 Höhenmeter komme ich am Arête Mont-Favre an. Die erste Bergab-Passage steht an. Hier werde ich automatisch durch die Läufer gebremst, die den Berg übervorsichtig hinunterschleichen. In der Phase des Rennens ist das gar nicht so schlecht. Das Wetter ist heute perfekt. Ein strahlend blauer Himmer beschert uns eine atemberaubende Aussicht auf den Mt. Blanc. Bei km 15 fülle ich an der Verpflegungsstation Lac Combal alle Speicher auf. Der Körper fühlt sich noch sehr gut an.

 Arête Mont-Favre

Der kräftige und kalte Wind zwingt mich zu einer kleinen Pause um die Windjacke überzuziehen. Wie an einer Perlenkette schiebt sich das Läuferfeld hinauf auf den Col des Chavannes. Mit seinen 2584m stellt er den höchsten Punkt des Rennens dar. Auf dem Gipfel angekommen habe ich bereits 19,7km und 2000HM in den Beinen. Essen und Trinken klappen bis hierhin perfekt. Auf den nächsten 16km kann ich es rollen lassen. Es geht auf breiten Wegen 10km bergab. Dieser Teil der Strecke ist wirklich prima zu laufen. Am Ende der Bergab-Passage sehe ich zum ersten mal Jörn. Mit den Handy übermittelt er mir Audiogrüße von meiner Familie. Das motiviert enorm und tut wirklich gut!

Nun geht es hinauf auf den Col du Petit St Bernard (2188m, 36km 2500HM). Meine Pause an diesem Punkt lasse ich etwas großzügiger ausfallen. Immerhin esse ich zwei Teller Suppe und muss meine Trinkblase auffüllen. Kurz vor dem Col du Petit St Bernard bin ich nämlich davon ausgegangen das die Trinkblase leer ist. Zehn Minuten später mache ich mich auf die Strecke nach Bourg St. Maurice. Jörn teilt mir mit das ich ziemlich schnell unterwegs bin. Mein grober ursprüngliche Plan hat eine Laufzeit von ca. 24 Stunden vorgesehen. Nun liege ich 45 min vor diesem Plan. Dabei habe ich mich selbst immer wieder gebremst und keine unnötigen Überholmanöver gestartet. Oder kurz gesagt: es läuft alles bestens!

Mittlerweile steht die Sonne hoch am Himmel und bruzzelt ganz schön auf uns herab. Ich bereue das ich die Sonnencreme vergessen habe. Um die Flüssigkeitsversorgung konstant zu halten, nehme ich immer wieder einen Schluck aus der Trinkblase. Doch mit jedem Schluck kommt immer weniger Wasser heraus. Und das, obwohl ich die Blase gerade erst aufgefüllt habe. Jetzt habe ich ein kleines Problem. Kurzentschlossen halte ich an um zu überprüfen was mit der Trinkblase los ist. Das Problem kann ich nicht lösen. Also beschließe ich bis Bourg St. Maurice ohne trinken weiter zu laufen. Nach 1:40h komme ich in Bourg an. Jörn wartet schon eine Weile auf mich. Gemeinsam zerlegen wir die Trinkblase noch einmal und können den Fehler finden. Das Ventil hat sich verdreht. Das muss man erst mal drauf kommen. Obwohl ich 1:40h ohne Flüssigkeitsaufnahme gelaufen bin, hatte ich nicht wirklich viel Durst und merke schon das mein Magen generell nicht mehr viel Lust auf Essen und Trinken hat, wie es eigentlich sein sollte.

Arête Mont-Favre


Geschlagene 40 Minuten habe ich mich an der Verpflegungsstelle aufgehalten und mache mich dann wieder auf den Weg. Kaum habe ich die letzten Häuser von Bourg passiert, ist alles was ich im Magen habe, wieder postwendend herausgekommen. Nun ist es wirklich ein Problem. Der Magen ist wieder einmal umgekippt und bis zum nächsten Checkpoint sind es noch 5,4km und 1150 Höhenmeter. 2:20h quäle ich mich den Berg hinauf. Die mangelnde Nahrungsaufnahme bekommen nun auch die Beine zu spüren. Es ist "kein Saft" mehr da. Immer wieder bleibe ich stehen um Kräfte zu sammeln. Schritt für Schritt und Meter für Meter schleppe ich mich hoch. Ein Läufer nach dem anderen zieht an mir vorbei. Am Checkpoint Fort de la Platte ist lediglich eine Zeitmessung und keine Verpflegungsstation. Hätte ich doch nur einen Streckenplan dabei, dann hätte ich das gewusst. Ein altes Mütterchen macht sich diesen

Umstand zu Nutze und verkauft den ausgemergelten und durstigen Läufern Kaffee, Cola, Limo, Schweppes, Bier usw. Ich habe wieder etwas Durst und kaufe mir eine Flasche Orangina. Leider war auch das wieder vegebene Liebesmüh. Die Orangina kam fünf Minuten später wieder heraus.

Col de Forclaz 2365m

Der Weg über den Col de Forclaz (2385m) hinauf auf den Passeur de Pralognan (2546m) zieht sich endlos hin. Immer wieder versuche ich mit kleinen Schlückchen etwas zu trinken. An Essen ist jetzt gar nicht zu denken. Schon beim Gedanken daran wird mir schlecht. So langsam reift der Gedanke in mir das ich das Rennen am Checkpoint in Cormet de Roselend aufgeben werde.

Im Schritttempo gehts vom Passeur de Pralognan in Richtung Cormet de Roselend. Ein wirklich leicht zu laufender Abschnitt, den ich gehen muss, da ich einfach keine Kraft mehr habe. Kurz vor Cormet kommt mir Jörn entgegen und versucht mich aufzubauen, doch es hilft nichts. Mittlerweile ist es dunkel geworden. Gegen 21 Uhr habe ich Cormet endlich erreicht. Mental bin ich nun am Boden. Ich sehe keinen Sinn mehr darin weiter zu laufen, da ich weder essen noch trinken kann. Ich versuche mich ein wenig hinzulegen um dem Magen und dem Körper ein wenig Ruhe zu gönnen. Doch es ändert nichts. Nach einer Stunde Pause steht mein Entschluss fest: Ich werde das Rennen an dieser Stelle beenden! 14 Stunden für 66,2km 4500 Höhenmeter, mehr ist heute einfach nicht drin.

  Passeur de Pralognan

Enttäuscht lasse ich mich von Jörn nach Chamonix fahren. Ich muss an meine Kinder und meine Frau denken, die sich so sehr darauf gefreut haben, morgen mit mir ins Ziel zu laufen. Mir tut es für Jörn leid, der es heute geschafft immer an der Strecke zu sein und mich mit allen Kräften zu unterstützen. Ich muss an all die Leute denken, die das Rennen live verfolgen. Was werden wohl alle denken?

Donnerstag der 28.08. der Tag danach. Meinem Magen gehts wieder gut Essen und Trinken bleiben da wo sie hingehören, die Beine fühlen sich sehr gut an (bei dem Tempo von gestern war da auch nichts anderes zu erwarten) doch die Enttäuschung ist riesengroß. Bei herrlichem Sonnenschein verbringen wir noch zwei wunderschöne Tage in Chamonix und mein Entschluss hierher zurück zu kommen wächst.

Heute, zwei Wochen nach dem Lauf sind die Tränen getrocknet und die Welt sieht nicht mehr ganz so düster aus. Sicherlich ist es schwer ein Rennen abzubrechen, aber es kann immer mal passieren und es gibt sicher immer gute Gründe dafür. Nach langem Überlegen und Suchen konnte ich meine Fehler finden. Diese Fehler werde ich im nächsten Jahr beheben und kehre dann gestärkt nach Chamonix zurück. Ja, das Ziel für das nächste Jahr steht fest: Ich werde den TDS ein weiteres Mal unter die Füße nehmen und ihn dann aber bezwingen.

Der Lauf in Zahlen

www.ultratrailmb.com

Strecke 120km +7240m
Teilnehmer 1583
Finisher 1076
Sieger

Xavier Thévenard

14:10:37 h

Ergebnis DNF

 

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